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Freiheit! In diesem Jahr hatte ich mir das erste Mal seit meiner Selbständigkeit den gesamten Juli frei genommen. Auch wenn böse Zungen behaupten, selbstständig zu sein würde bedeuten, immer selbst und ständig zu arbeiten, gibt es Freiheiten, für die ich gerne arbeite.

Mein erstes Halbjahr hatte mich auf diversen Ebenen unverschämt gefordert und ich fand: Jetzt bin ich überrreif für ganz viel Ruhe und selbstgemachtes Sommersanatorium mit Lieblingsmenschen. Und zwar im schönen Hochschwarzwald.

Die Zeit war ein voller Erfolg: Es gab so viel Regen, dass man gar nicht darüber nachdenken brauchte, ob man rausgeht! Geschweige denn Fotos für den eigenen Blog macht. (Ok, ein einziges hab ich gemacht. In der gefühlt einzigen Regenpause, s. u.)

Das war wie eine heimliche 24-7-Schlafanzug-Verordnung. Quasi Runterfahren und Reizarmut auf Rezept. Guter Lesestoff, gutes Essen, gute Gespräche zwischen Ausschlafen, Lachen, Nixtun und Ofenwärme bei 12 Grad im hochsommerlichen Süddeutschland. Beste Voraussetzungen für den entspannten Sommer für die Seele.

Der Serien-Schock

Bis wir über eine amerikanische Fernseh-Serie (huch!) stolperten, die uns so in ihren Bann zog, dass Binge-Watching seither zu einer meiner neueren Lebenserfahrungen gehört. Die süße Entspannung wich einer faszinierten Augenstarre. Es war eine emotionale, witzige, gut geschnittene und mit klugen Dialogen durchsetzte Serie über das Leben eines historischen Rebellen mit Rockstarzügen und Retter-DNA. Es war eine Serie über – man glaubt es kaum – das Leben von Jesus von Nazareth.

 hiOh, mein Gott! What?! Ja, ich wollte auch schon innerlich abdrehen. Ich hatte was Lahmes erwartet. Oder zumindest irgendwas, von dem ich mich abwenden wollen würde. Weil schließlich so vieles, was mit christlicher Religion und Kirche zu tun hat, so oft einfach nicht überzeugt. Da gibt’s zu viel verbrannte Erde – angefangen von den Kreuzzügen über bigotten Kindermissbrauch bis zur Queer-Debatte. Zu viel unglaubwürdiges Handeln sogenannter Christen. Wir haben doch fast alle einen Kirchenschaden, oder?

Coming Out

Und jetzt kommt das, was ich ohne diese Serie hier im Traum nicht geschrieben hätte: Ich haben den Schaden besonders. Ich bin Pastorenkind. Ich buchstabiere das gerne nochmal – vor allem für mich selbst. Damit auch ich glaube, das ich das hier wirklich schreibe, ohne mir wie sonst immer innerlich tausend Entschuldigungen zurechtzulegen: P.A.S.T.O.R.E.N.K.I.N.D. 

Und als solches teile ich alle Vorbehalte gegen Glaubensgemeinschaften, die mit rigiden wie unintelligenten Vorschriften, Wahrheitsfanatismus und Missionskomplex Menschen kleinmachen. Und oft auch krank. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem etwas in seinem Kern (nach meinem bescheidenen Verständnis) so unfassbar Großartiges zu etwas so unfassbar Grauenhaftem umgedeutet werden kann. Ich weiß das, weil ich das erlebt habe. Aber das ist eine traurige Story für einen anderen Artikel.

Ich habe mich schon als Kind unter der Kanzel oft gefragt, wieso ich das Gefühl nicht loswerde, zwischen den Stühlen zu sitzen: Dass mit der Kirche und dem, was da oft passiert, irgendwas nicht stimmt und ich damit nichts zu tun haben will. Und dass ich gleichzeitig diese ungreifbaren Momente weder leugnen konnte noch wollte, in denen mir schien, als würde der Himmel meine kleine Welt berühren.

Suche nach Sinn

Das führte dann recht schnell zu folgenden ketzerischen Fragen: Was wäre denn, wenn dieser ganze komische Christus-Kram so verzerrt wurde, dass wir seine Schönheit gar nicht mehr erkennen können? Wenn diese unfassbare Geschichte vom heruntergekommenen Gott, die das Zeug haben kann, unsere Seele zu heilen und zu trösten und ihr eine Heimat zu geben, in unsere Zeit falsch übersetzt wurde? Wenn das ganze rechthaberisch-religiöse Drumrum uns blind gemacht hat? Was ist denn eigentlich nochmal das Gute an der Guten Nachricht?

Die Fragen ließen mich nicht los. Und ich fand schon immer: Wenn man nicht weiß, wem oder was man glauben soll, macht man sich am besten ein eigenes Bild. Von dem, was die Bibel zum Anliegen von diesem Jesus sagt und wie man das verstehen könnte. Und auch davon, ob das was mit dem Zustand unserer Welt, unseres Miteinanders und mir zu tun haben könnte.

Ich habe mir die Mühe gemacht. Ich habe gelesen. Und mich umgeguckt. Und dabei festgestellt: Man muss nicht mal sein göttliche DNA für wahr halten, um anerkennen zu können, dass die Geisteshaltung und Weisheit dieses Revolutionärs nicht nur unsere Zeitrechnung verändert haben, sondern auch für den Zustand unserer Welt in der Tat die Rettung wären.

Gott reloaded?

Aber als Coach und Talententwicklerin weiß ich, dass es harte (und lohnende) Arbeit bedeuten kann, sich aus vergifteten Gedanken, Denkmustern und sonstigem Mindfuck herauszuschälen. Genauso wie es nicht leicht ist, vergiftete Gottesbilder auszutauschen, die womöglich über Jahrhunderte hinweg in unserer Kultur bewahrt und gepredigt wurden.

Und so sitze ich immer noch gefühlt zwischen der sehnsuchtsvollen Ahnung, dass es da eine liebevolle außerirdische Hand gibt, die immer wieder nach mir greift, ein himmlischer Blick, der mit mir flirtet, doch ein Schöpfer des Universums hinter dem Universum – und der Abscheu gegen so viel Verdrehtes im Namen Gottes. 

Es müsste halt jemanden geben, der sich mal die Mühe macht, den ganzen regelhaften Überbau wegzuräumen und uns einen Jesus zu zeigen, der möglichst nah an der historischen Berichterstattung dran ist und plausibel zum Leben erweckt wird – oh, unbeabsichtigtes Wortspiel! – statt oft nur blutend am Kreuz zu hängen und uns abzuschrecken, weil keiner mehr die ganze Geschichte kapiert.

Alles anders

Dann könnten wir vielleicht wieder die Schönheit seines Lebenswerks erkennen; die Hoffnung, den Mut, die Stärke und die Freude, die von ihm ausgehen kann. Ein Leben frei von altem Ballast, der uns runterzieht, wo Vergebung Beziehungen heilt, mit täglicher Chance auf Neustart und Veränderung. Ohne Vorbedingungen. Einfach als Einladung.  

Ich meine – klingt das nicht irgendwie nach etwas, das sich jeder wünscht? Das wären wirklich gute Nachrichten. Aber da hatte ich immer weniger Hoffnung. Mir schien, da war der Institution Kirche etwas Wunderbares völlig verloren gegangen.

 

Doch dann war auf dem Sommersofa vor dem Bildschirm plötzlich alles anders. So anders, dass ich die erste Staffel dieses globalen Fundraising-Wunders unter dem offiziellen Radar Hollywoods kaum glauben konnte. Und dann gab es das auch noch frei verfügbar auf Youtube und kostenloser App?! 

Die Macher von The Chosen hatten genau das versucht, was noch keiner vorher probiert hatte: So gut es geht, das ursprüngliche Bild freizulegen, um eine in den Kirchenmauern erstarrte Christus-Figur plausibel zum Leben zu erwecken und die Geschichte einfach für sich selbst sprechen zu lassen. Womöglich ganz im Sinne des Erfinders: Vergiss Religion – come and see.

 

Himmel auf Erden

Gut. Wahrscheinlich ist diese letzte Zwischenüberschrift ein wenig dick aufgetragen. Aber meine Beobachtung ist, dass wir so was alle ab und zu erleben. Dass es da mehr gibt, als wir sehen können – und dass wir das auch brauchen. Unsere Seele braucht Nahrung, ein Zuhause. Die Achtsamkeitswelle und Stille-Sehnsucht zeigen das.

Vermutlich hat meine eigene Geschichte mit Kirche und der Suche nach Gott dazu beigetragen, dass mir die Arbeit mit der Innenwelt so wichtig wurde. Denn wenn ich mir  die hektische, fordernde und oft unbarmherzige Außenwelt ansehe, dann braucht unsere Innenwelt ein Gegengewicht.

Einen Raum, in dem wir hören können, dass wir kein Zufall sind, nicht ohne Ziel, nicht allein, sondern gewollt, begabt und einzigartig. Wo wir Kraft schöpfen. Und die Freude zurückkehrt. Wo die Hoffnung wohnt und manches möglich wird, was man eben nicht mehr für möglich gehalten hat. Was eine Fernseh-Serie, die einen völlig kalt erwischt, so alles auslösen kann …  

Gehört so was in einen Monatsrückblick? Ich habe keine Ahnung. Aber das alles hat mich in diesem Sommer am meisten beschäftigt und mir nochmal gezeigt, wie sehr es meine Arbeit mitträgt. Für mich sind diese ganzen Gedanken auch ein Grund dafür, warum es den Lernraum gibt. Ich wollte immer sagen können: Willkommen an einem sicheren Ort!

Was sonst noch im August los war

  • Ich wurde von zwei Printmagazinen für Artikel angefragt. Welche Ehre! Sobald die raus sind, verrate ich mehr.   
  • Seit ich den Blogkurs mache und dadurch nochmal meine Zielgruppe geschärft hab, melden sich nur noch die liebsten Lieblingsklienten. Wie geht das denn so schnell, wo doch noch kaum jemand meinen Blog liest? Na, wurscht warum – es ist großartig!

  • Konnte endlich wieder den nächsten Sketchnotes-Workshop für September planen! Spaß am Stück. Mit Stift. Am Samstag. Vorfreude!