0451-599 88 638 lernraum@annettepenno.de

Persönlichkeitstests: Was sie (nicht) über mich und die Arbeit mit mir verraten

Okt 6, 2021 | Innere Stärke, Persönliches

Es gibt ja diese Idee des Jahresworts: Man wählt ein Wort, das als Leitstern über dem neuen Jahr stehen soll. Ich hatte mir Ende 2023 überhaupt nicht vorgenommen, danach zu suchen. Aber es war wohl die Extremerfahrung meiner mehrjährigen Post-Covid-Erkrankung, die mir so ein Wort quasi aufdrängte: Wiedergutmachung.

Ich sehnte mich nach einer Form von Wiedergutmachung, nachdem ich meine eigene Auflösung, den einjährigen Marathon im Dunkeln und den bitteren Geschmack der Zweijahresmarke überstanden hatte. Ich fand, es war wirklich Zeit für ein Trösten nach der Trauer über den vielfältigen Verlust, ein Aufatmen nach dem Ausnahmezustand, Zeit für einen Schlussstrich unter den Schmerz. Und zwar unter der Sonne Südafrikas. Während der schlimmsten Schmuddelwettermonate des norddeutschen Winters.

Auch wenn bei solchen Hoffnungen und Wünschen selten im Voraus klar ist, ob sie aufgehen, kommt hier nun der bunte Beleg dafür, dass mein abenteuerlicher Auf-und-davon-Versuch der richtige Schritt zur richtigen Zeit war …

Abflug in Hamburg Mitte Januar in Kälte und Dunkelheit. „Wie passend“, denke ich, als ich aus dem Fenster schaue und mir die Parallele zur Erfahrung von Post-Covid auffällt. Als hätte jemand den Strom für den eigenen Körper abgestellt und den Alltag in die kalte Finsternis geschickt, das Leben eingefroren.

18 Stunden später werde ich am Ziel beim ersten Schritt aus dem Flieger vom warmen Wind wie von einer Heizdecke umarmt. 34 Grad Celsius ohne eine Wolke. „Das ist zu viel“, stöhnt mein Taxifahrer, „wir sind hier nur die hohen 20er gewohnt.“ Aber ich spüre was anderes: Tauwetter in Knochen und Seele. Ich sauge die Schönheit entlang unserer Route auf und antworte lächelnd: „Entschuldigung. Ich hab das so bestellt.“ 

Hier also wohne ich erstmal: im kleinen Cottage direkt am Pool zwischen Palmen. Mit Blick auf Lagune und Ozean. Ich finde das so unglaublich, dass ich nach dem ersten Schlafen heimlich nochmal nachgucken muss. Doch. Alles noch da. Kein Traum. Nur traumhaft.

Die ersten Tage taumele ich selig ausschließlich zwischen Buffet und Bett hin und her, um meinem Körper die nötige Zeit zu geben, die Fluganstrengung zu verkraften. Aber es sind tatsächlich nur noch ruhige Tage, die er zum Erholen braucht. Keine Wochen oder Monate im Liegen mehr. Die Crash- und PME-Zeiten sind wirklich vorbei – und so hüpfe ich vor Glück in den Pool.

Blüten so groß wie Hände, Farben besser als in jedem Filter, ein Horizont, der das Herz weit macht und das Donnern der ewigen Meeresbrandung vor diesem betörend blauen Himmel – in so einer Umgebung ist es wirklich so viel leichter, all das auszuhalten, was gar nicht so leicht ist.

Dann wird es mir bewusst, nach einer Woche vor Ort: Meine letzten Schmerzen sind völlig verschwunden. Mir tut einfach nix mehr weh, wenn ich aufwache. Das Stechen in den Muskeln, Sehnen, alles, was sich nach Mikroentzündungen in der Tiefe der Zellen angefühlt hat, ist wie weggeblasen. Ich bewege zur Sicherheit alle Gelenke einmal nacheinander durch. Tatsächlich. Jetzt will ich nur noch rennen.

Ich sprinte an den Strand und erinnere mich zu spät, dass das in Flipflops echt nicht gut geht. Aber es gibt diese Momente, da ist alles egal. Ich stoppe erst vor den Fluten des indischen Ozeans und lasse der Flut meiner Dankbarkeit freien Lauf. Ich schicke warme Gedanken an alle lieben Menschen um den Globus, die mitgeholfen haben, dass ich überhaupt hier stehen kann, und mein Herz singt Soli Deo Gloria. Ich wackel mit den Zehen, weil der Sand zu fest ist, als dass ich sie eingraben könnte. Da hallt es in mir nach: „Endlich. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen.“

Dann pendelt sich so etwas wie Auszeitalltag ein. Meine weitere Genesung hat dabei absolute Priorität. Und so lasse ich Beine und Seele baumeln, genieße Schönheit, gute Ernährung sowie sanfte Bewegung und stelle fest: Damit sind die Tage ausreichend gefüllt. Selbst die freiwillig auferlegte schöne Schreibarbeit am Morgen und Abend ist total nachrangig.

Aber immer wenn ich eine Zeitlang in kleinen Schritten stetig „vorangekommen“ statt „fertig geworden“ bin, belohne ich mich mit einem Ausflug – oder genauer: wage ich mich an einen heran. Die traumatischen Erinnerungen an die willkürlichen körperlichen Abstürze und deren elenden Folgen aus der Anfangszeit sitzen tief und ich brauche schrittweise neues Vertrauen in meinen Körper, der anders tickt als früher.

Aber er und ich lernen eine neue Art des Zusammenlebens. Ich mache erst halbe und später ganze Tagestrips. Merke ich einen Tag danach keine Verschlechterung von Energiezustand und körperlichem Befinden, gibt es in meinem Cottage ein kurzes Freudentänzchen. Und die konkrete Planung fürs nächste Highlight beginnt. Urlaub in der Wärme als Trainingslager – ich bin begeistert, dass mein Plan aufgeht.

Dass ich damit die wohl ungewöhnlichste Urlauberin im Ort bin, der sonst nur fürs Durchreisen an der Garden Route bekannt ist, habe ich erwartet. Und wenn ich auf verwunderte Nachfragen anderer Touris erzähle, dass ich zum Schreiben hier bin und die Gegend schon kenne, kommen sie damit offenbar auch besser klar. „Super Alibi, Annette“, lobe ich mich selbst für diese clevere Erklärung, die gar nicht unwahr ist, aber es mir erspart, meine letzten 2 Jahre und meine Art des Reisens erklären zu müssen …         

Auf meinen Unternehmungen erwarten mich diverse kleine und große Überraschungen: Im Nationalpark um die Ecke klettere ich mit Begeisterung über Bohlenwege, die die heimischen Sicherheitsvorkehrungen verhöhnen, fahre auf Flößen, wate durchs Flussbett, sehe den kobaltblauen Eisvögeln hinterher, die an mir vorbeizischen, und kann das alles gar nicht glauben.

Denise übrigens auch nicht. „D“ ist die Chefin meines Zuhauses auf Zeit und schüttelt jedes Mal ungläubig den Kopf, wenn ich ihr berichte, dass ich schon wieder eine Einzelbetreuung hatte. „Annie, hier ist Hochsaison. Wie kann das angehen, dass du bei den Gruppenausflügen, die du buchst, fast immer die einzige Teilnehmerin bist und somit eine Privatführung von den Rangern bekommst? Das hab ich noch nie gehört. Du Glückspilz!“

Weil ich auch nicht weiß, was ich darauf antworten soll und das Staunen und die positive Überwältigung nicht aufhören, stelle ich schmunzelnd die wilde wie wunderschöne Vermutung auf: „Die gute Macht ist mit mir.“ Ich fühle mich tatsächlich von Gnade und Güte verfolgt – und eingeholt. Denise nickt nur stumm. Natürlich. Was soll das auch sonst sein. 

Mir kommen diese Momente wie die Gegenbewegung zur Verlusterfahrung meiner Corona-Erkrankung vor, in der mir alles unaufhaltsam durch die Finger rann: Gesundheit, Arbeitskraft, Finanzen, Sozialleben. Und auf einmal ist da nicht mehr Ebbe, Rückzug, das totale Verschwinden, sondern Flut, Schwemme, Überfluss. Das Gute kommt zurück. 

Auf einer Flusstour – natürlich wieder nur der Skipper und ich – haute es mich fast um. Es ist der Klang der Stille, der hinter dieser einen Biegung über uns hereinbricht. Wir stellen den Motor ab. Hier hält die Welt die Luft an, als stülpte sie uns eine Glocke über, die jedes Geräusch restlos verschluckt. Wir gleiten lautlos übers Wasser und ich komme mir vor wie in einem abgeschirmten, tonlosen Raum. Die Natur setzt mir hier ihren Noise-Cancelling-Kopfhörer auf – und dreht jetzt voll auf:

Das leise Gurgeln des Wassers, das unser Boot begleitet, ist plötzlich viel lauter, klarer, reiner als vorher. Der Schrei des Vogels in der Ferne klingt so nah, dass ich kurz zusammenzucke. Neben mir ein Flattergeräusch, so dass ich auf meinem Sitz intuitiv zur Seite rücke. Ach, das war doch nur der Schmetterling am Ufer. Mein Hörsinn läuft Amok, mein Herz zerspringt. Ich sitze selig wie vor einem unsichtbaren Verstärker und lausche dem Sound der Schöpfung. Dieser umwerfend schöne Moment ist wie ein Geschenk, von dem ich nicht wusste, wie sehr ich es brauchte. Er gewinnt mein Herz für dieses Leben zurück – und ich atme sie ganz tief ein: die Wiedergutmachung für meine Seele.

Was soll jetzt noch kommen? Nun ja. Elefanten. Meine all time favorites! Als ich dem Nachhall meines Fluss-Glücks ein paar Tage lang gelauscht habe, bin ich bereit, mein absolutes Highlight in Angriff zu nehmen: Auf zur Pirsch!  

Schon die Anreise zur Game Lodge, die den Eingang des Wildparks markiert, ist ein Erlebnis. Der „Finebos“ blüht so lila wie die Lüneburger Heide und die Rezeption ist thematisch passend dekoriert. Denke ich. Bis sich der bis dahin reglose silbergraue Dekovogel kratzt. 

Wieder bekomme ich den Frontsitz ab und habe Ted neben mir, der glücklicherweise große Lust hat, mir als Wissenslexikon für all die Fragen zu dienen, die aus mir rauspurzeln. Wenn es mir nicht gerade vor lauter Faszination die Sprache verschlägt.  Da. Zebras!

Babygiraffen sind bereits 1,80m groß, wenn sie auf die Welt kommen, lerne ich. Dieser Mama-Giraffe gehört entsprechend meine Bewunderung. Das Wetter ändert sich in dieser Gegend schnell und dramatisch, so dass ich vom Himmel so abgelenkt bin, dass ich fast die Antilopen verpasse. Sie erheben sich in der Ferne gerade in dem Moment aus dem Gras, als wir entlangrumpeln. Lieben Dank fürs Posieren.  

Und dann ist es soweit. Wir haben gerade mit Allradantrieb und viel Geschaukel ein Flussbett durchquert und steuern die dahinterliegende kleine bewaldete Anhöhe an, als er auf der Kuppe wie aus dem Nichts vor uns auftaucht. Ein Elefant. Die Zeit steht für einen Moment genauso still wie er und mein Herz. Dann wendet er uns gänzlich ungerührt seinen Hintern zu und entwurzelt einen Baum.         

Weil es nicht meine erste „Pirschfahrt“ ist und Elefanten Herdentiere sind, vermute ich, dass in der Nähe noch mehr sind. Ted nickt und deutet nach hinten. Da kommen sie.

Diese Tiere hört man nur, wenn sie Bäume zerlegen. Und streng genommen ist das nicht ihr Geräusch, sondern das von berstendem Holz. Ansonsten bewegen sich die grauen Riesen nahezu lautlos auf ihren flexiblen Sohlen, ohne irgendwas zu zerbrechen, haben ein unfassbares Gedächtnis und sind sehr soziale Wesen. Die Kombi war mir schon immer sympathisch.

Mein nächste großartige Aussicht hab ich eine Woche später vom Sattel aus. Rasha ist ein wunderbares Pferd, das mir meine eingerosteten Reitkünste großherzig verzeiht. Mein Hinterteil ist da etwas nachtragender. Aber hey – vor 2 Wintern war ich noch bettlägerig und konnte kein Glas halten. Ich bin unfassbar dankbar für meinen Körper, der so etwas wieder machen kann. Ein neuer Meilenstein der Genesung.    

Das mit dem öffentlichen Nahverkehr am Ort ist schon etwas länger her. Dafür beeindruckt mich die Bahnstrecke zu Fuß mit einigen atemberaubenden Ausblicken. Boot statt Zwerg im Vorgarten – und ein Paradies am Ende des Tunnels, das sich ein paar freundliche Locals ohne Wohnsitz als Tee-Terrasse auserkoren haben. Sie warnen mich vor möglichen Schlangen an einer Stelle meiner Tour und begleiten mich kurzerhand ein Stück, damit ich sicher zurückkomme.      

Da ich gerade am Kapitel über Mut schreibe, habe ich Lust auf ein passendes Experiment: Ziplines! Ob ich mir vor Schiss in die Hose mache – oder mich voller Begeisterung ans Seil werfe? Ich kann es nicht einschätzen und befinde daher, dass ich es im Zipline-Park des Nachbarorts rausfinden werde.

Woaaaaaahhh! Als ich nach der ersten Seilfahrt merke, dass sich das mit dem Mut in Grenzen hält, flippe ich fast aus vor Freude. Ich nehme Anlauf, rausche über Wipfel, schwinge mich durch langsamere Strecken, hänge wortwörtlich in den Seilen – und genieße es in vollen Zügen. Das Adrenalin macht den Kopf frei und ich bin mittendrin wie ein Kind – in der Freude am Leben.    

Und dann kündigt sich der Abschied an. Ich laufe viel am Strand entlang, freue mich diebisch über die 4 Kapitelentwürfe zum aktuellen Buchprojekt, die mein Hirn wieder hinbekommen hat, und sinniere über einer Art Resümee zu dieser Auszeit. Die Rückkehr nach Hause wird zeigen, welche körperlichen Verbesserungen nachhaltig sind, welche weiteren Anpassungen mein Leben vermutlich braucht und was das alles für meine berufliche Zukunft bedeutet.

Aber das ist vielleicht das Entscheidende: Was auch immer jetzt kommt und wie es anders mit halbierter Post-Covid-Kraft weitergehen wird – ich spüre ein große, strahlende Vorfreude. Ich habe den letzten Teil meines Lebens überlebt, ohne innerlich zu verfaulen. Das bedeutet doch etwas. Und so lache ich allen verbleibenden offenen Fragen ins Gesicht und denke: “ Was solls. Komme, was wolle: Ich nehms in meinem Tempo mit allem auf. Es wird Puzzlearbeit, aber es wird ein schönes anderes Leben geben.“

 

* * *

Alleine das Zustandekommen dieser Auszeit war für mich ein Wunder der Unterstützung, das ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde und über das ich auch in Teil 3 meiner Corona-Chronik geschrieben habe. Ich sende hier noch einmal ein eskalierendes D-A-A-A-N-K-E in alle Ecken dieser Erde zu denen, die das mit ermöglicht haben. Möge das Echo nie verhallen und der Segen zu euch zurückfinden.

♥ ♥ ♥

3 Kommentare

  1. Yvonne Struve

    Mehr Wow im Leben könnenwir alle gebrauchen!
    Und ganz besonders,wenn die wertvollen Impulse von @annettepenno kommen!

    Antworten
    • Admin_Annette

      Wow! Vielen Dank für die Blumen! 😉

      Antworten
  2. Lydia Wolff

    Liebe Anette,
    Ich wünschte sehr, ich hätte das schon früher gelesen…sehr ermutigend, wenn man sich bei den verschiedenen Persönlichkeittest immer wieder zwischen allen Stühlen wiederfindet…Habe ich noch Stärken? Mit Gottes Hilfe werde ich mich auf die Suche machen..

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert